HARTMUT RICHTER

HARTMUT RICHTER














Biografisches

1948 in Glindow bei Werder/Havel geboren, EOS Potsdam
1962 verweigert den Beitritt in die FDJ
1966 Fluchtversuch und dreimonatige Untersuchungshaft in Potsdam, Entlassung auf Bewährung 
Abschluss der Lehre als Eisenbahner – Nichtzulassung zum Abitur
August 1966 Flucht durch den Teltow-Kanal nach West-Berlin
bis 1971 Kellnervolontariat und Reisen als Schiffssteward
1972 Amnestie der Republikflucht unter Honecker und Rückkehr nach West-Berlin Berlinkolleg und Ausbildung zum Sozialarbeiter
1975 verhaftet und wegen „staatsfeindlichem Menschenhandels“ zu 15 Jahren Haft verurteilt, u.a. Berlin Rummelsburg in Bautzen II
1980 von der Bundesrepublik freigekauft
1980-1990 Mitgliedschaft in der CDU und in der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte  
seit 1999 Besucherreferent, u.a. in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen 

Dokumentarfilm
Nina Toussaint und Massimo Iannetta: Zersetzung der Seele. Lichtfilm Wolfgang Bergmann, 2002.

DIE GESCHICHTE



Hartmut Richter  schwamm 1966 durch den Teltowkanal in den Westen

Hartmut Richter wurde 1948 in Glindow (Brandenburg) geboren. Sein Vater war Obstbauer, seine Mutter Hausfrau. Nach der Grundschule besuchte er die Erweiterte Oberschule, wo er im Chor sang. Kurz vor dem Abitur versuchte er als 18-Jähriger, im Januar 1966 über die tschechisch-österreichische Grenze in den Westen zu gelangen. Doch der Fluchtversuch scheiterte.

Hartmut Richter, der das SED-Regime ablehnte, wurde festgenommen, saß drei Monate in Untersuchungshaft und wurde im Mai 1966 vom Kreisgericht Potsdam zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Ein erneuter Fluchtversuch Ende August 1966 gelingt: Hartmut Richter schwimmt bei Dreilinden durch den Teltowkanal nach West-Berlin, lange muss er dabei im Wasser ausharren. Die Fluchterfahrung prägt ihn sein ganzes Leben. Bis 1972 reist Hartmut Richter als Schiffssteward durch die Welt. Als er nach West-Berlin zurückkehrt, tritt das Transitabkommen zwischen der Bundesrepublik und der DDR in Kraft. Das macht es leichter, Flüchtlinge aus der DDR in westdeutschen Fahrzeugen zu verstecken und über die Transitstrecken in den Westen zu bringen.

Im gleichen Jahr darf der „Republikflüchtling“ Hartmut Richter infolge einer Amnestie wieder in die DDR einreisen. 1973 bittet ihn ein Bekannter, für eine Freundin aus der DDR einen geeigneten Fluchthelfer zu suchen. Hartmut Richter beschließt, die Fluchthilfe selbst zu übernehmen.

Sein Heimatort Glindow befindet sich unmittelbar an der Transit-Autobahn Hannover-Berlin, die fluchtwillige Frau soll ihn in einem Schuppen auf dem elterlichen Grundstück erwarten, wo er sie abholen und im Kofferraum seines Autos nach West-Berlin bringen will. Der Plan funktioniert, die Flucht der Frau gelingt. Dieser ersten Fluchthilfe folgen weitere. Bald erkennt Hartmut Richter, dass sein Auftraggeber die Fluchthilfe als Geschäft betrachtet und daran verdient.

Das findet er zwar grundsätzlich nicht anstößig, denn die Vorbereitung einer Flucht ist zeitaufwendig und das Risiko für den Fluchthelfer groß. Doch die geforderten Geldbeträge erscheinen ihm unverhältnismäßig hoch und er nimmt keine weiteren Aufträge entgegen. Stattdessen verhilft Hartmut Richter eigenständig Freunden und Bekannten zur Flucht aus der DDR. Die Flüchtlinge holt er auf die bewährte Weise in Glindow oder an einer Bushaltestelle nahe Finkenkrug ab. 
Insgesamt 33  Menschen gelangen mit seiner Hilfe in den Westen.

Richter lebt seit 1966 in Berlin. Heute engagiert er sich als Zeitzeuge für die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und führt auch durch die Gedenkstätte in Hohenschönhausen. Für seine Arbeit als Fluchthelfer erhielt er 2012 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Unbeugsam – Hartmut Richter am 3. März 1975 verhaftet

 

Vorgeschichte

Im Januar 1966 griff man mich in einem Zug vor der österreichischen Grenze mit einer Landkarte auf, in die ich meinen geplanten Weg für eine Flucht markiert hatte. Daraufhin befand ich mich 3 Monate wegen »Passvergehens« im Untersuchungsgefängnis in Potsdam und wurde zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Nur drei Monate später gelang mir, vier lange Stunden schwimmend und tauchend, die Flucht durch den Teltowkanal nach West-Berlin. Hier galt ich als Deutscher im Sinne des Grundgesetzes, musste also nicht um Asyl bitten oder mich um die Staatsbürgerschaft der Bundesrepublik bemühen.

 

Als die DDR sich um Aufnahme in die UNO bemühte, entließ sie 1972 alle nicht mehr im Land weilenden DDR-Bürger aus der Staatsbürgerschaft. Ab diesem Zeitpunkt konnten also ehemalige Flüchtlinge wieder in den Ostblock, die ehemalige Heimat reisen, so auch ich nach sechs Jahren zu Weihnachten zu meiner Familie. Im Juni 1972 beschlossen die DDR und die Bundesrepublik das Transitabkommen, wobei sich die DDR verpflichtete, den Transitverkehr von und nach West-Berlin reibungslos zu gewährleisten, was sie sich selbstverständlich bezahlenließ. Ab jetzt musste es praktisch einem DDR-Bürger nur gelingen, unbemerkt in den Kofferraum eines Transitreisenden zu gelangen, um zu fliehen. Natürlich war das nicht einfach, denn Parkplätze und Raststätten waren von der Stasi überwacht.

 

Durch Stasiakten weiß ich, dass ich seit etwa Mitte 1974 des »Transitmissbrauchs« verdächtigt wurde. DieKontrolle geschah in der Nacht zum 4. März 1975 am Grenzübergang Drewitz. Im Kofferraum versteckt lag meine Schwester mit ihrem Freund. Alle drei wurden wir verhaftet. Meine Schwester war dann in Hoheneck inhaftiert. Ich wurde wegen »staatsfeindlichem Menschenhandel«, den ich »von westlichen Medien manipuliert, als Feind des Sozialismus und williges Werkzeug des Großkapitals und westlicher Geheimdienste« betrieben hätte, angeklagt und zu 15 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. In den Westen geschleuste 18 DDR-Bürger konnten mir nachgewiesen werden. Nach Jahrzehnten habe ich heute immer noch Alpträume, erlebe traumatisch Verhaftung und Inhaftierung in den MfS-Untersuchungsgefängnissen in Potsdam, Frankfurt, Berlin-Hohenschönhausen und den 18 Monate währenden Aufenthalt in Rummelsburg.

 

Rummelsburg

Anfang März 1976 kam ich in der StVE Rummelsburg an. Eine empfundene Ewigkeit saß ich mit Handschellen in einem auch innen nach Abgasen riechenden Barkas. »Obst und Gemüse« stand auf dem Fahrzeug. Ich konnte es beim Einsteigen lesen, fünf gleich große enge Zellen waren in so einem Kleintransporter. Die Wärter hatten über den feldgrauen Uniformen gewöhnlich Arbeitskittel, und sollten wohl von der Bevölkerung als Lieferfahrer gesehen werden. Gefangenen wurde nur mitgeteilt, dass bei Fluchtversuch von der Schusswaffe Gebrauch gemacht würde. Wohl jeder Inhaftierte hatte so eine Fahrt als Tortur empfunden. Ziel und Dauer der Fahrt waren ungewiss. 

 

»Strafgefangener Richter mitkommen«, herrschte ein Blauuniformierter mich an. Immerhin war ich keine Nummer mehr. Bedienstete versuchten mich mit Disziplinarmaßnahmen zu nötigen, die Hausordnung zu beachten. Bis zum Schluss habe ich mich ihnen gegenüber nicht als Strafgefangener bezeichnet. »Ich betrachte mich als Opfer kommunistischer Willkür«, antwortete ich, wenn so ein Schließer oder Erzieher hartnäckig darauf pochte. Ebenso konsequent hatte ich stets darauf bestanden, dass in Vernehmungsprotokollen die DDR in Anführungszeichenoder als sogenannte geschrieben sein sollte,

 

Ich bekam nun einen Anzug, alte Uniformen, bestehend aus Jacke und Hose, in denen gelbe Streifen eingenäht waren, die in der Dunkelheit, auch in schwach beleuchteten Arrestzellen, etwas leuchteten. Die blauweiß gestreifte Unterwäsche hatte auch solche Streifen. Ein Meister Rohne, von Gefangenen »Germany-boy« genannt, brachte mich über das mir riesig scheinende Gelände ins Haus 3. Ich war auf der Station Berta 2, der Nichtarbeiterstation, die wohl jeder Neuankömmling durchlaufen musste. Leutnant Krause brachte mich in die Zelle 28.

 

»Erzieher«

Gefangene sollten erzogen werden, durchliefen im Vollzug gewissermaßen einen Erziehungsprozess.Offiziere waren die »Erzieher«. Hier arbeiteten sie mit Verbindungsoffizieren des MfS eng zusammen, der in Rummelsburg wurde » Lecki-Teng« genannt. Er hatte eine wahrscheinlich durch Höhensonne erzeugte bräunliche Gesichtsfarbe. Lecki-Teng, wie ich durch Stasiakten weiß, war damals Leutnant und hieß Gabriel wie der Erzengel. Auf der Station Dora hatte er ein Büro außerhalb des Gefängnistraktes.

 

Ich wurde nach paar Tagen von Meister Rohne zu Lecki-Teng gebracht.

»Ich habe vor, Strafgefangener Richter, sie zum Brigadier zu ernennen. Sie können ihre Armbanduhr tragen, sich Pakete schicken lassen und können innerhalb des Verwahrraumtraktes sich frei bewegen. Was halten sie davon?« »Muss ich dann meine Mitgefangenen denunzieren?« »Natürlich müssen sie, Strafgefangener Richter, mir Verfehlungen melden.« »Vielen Dank für den Kaffee Herr Verbindungsoffizier. Dafür bin ich aber wohl nicht geeignet.« Nach diesem Satz war seine falsche Freundlichkeit verschwunden. Vom Verbindungsoffizier (VO), auch V-Nuller genannt, zurück in die Zelle gebracht zu werden, bedeutete, dass aus dem latenten Misstrauen nun eine direkte Ablehnung der Mitgefangenen spürbar war. Sie nannten das Zersetzung.

 

Nach etwa zwei Wochen auf der Nichtarbeiterstation wechselte ich auf die Station Dora 2, ein Arbeitskommando, in dem im Zweischichtsystem für das Elektroapparatewerk, EAW-Treptow gearbeitet wurde.Plötzlich bekam ich keine Post mehr von den Eltern, sämtliche Vergünstigungen, wie abends etwas fernsehen zu dürfen, wurden nicht gewährt, da ich gegen die Anstaltsordnung handeln würde. Gemeint war meine Weigerung über das Gelände vom Haus 3 zum Haus 5 wie das Kommando im Gleichschritt zu marschieren, das Kappi aufzusetzen. Damit würde ich den Erziehungsprozess der Mitgefangenen negativ beeinflussen. So war ich auch nur ein paar Wochen im Arbeitskommando. Als ich mich einmal nicht wohl fühlte, Stiche in der Brust hatte, also nicht zur Arbeit ausrückte,und nicht die notwendige medizinische Behandlung bekam, ordnete Anstaltsleiter Oberst Schmidt-Bock acht Tage verschärften Arrest an.

 

Am 30. April 1977 wurde ich vom »Erzieher« Leutnant Lange wieder zu Lecki-Teng gebracht. Der plauderte anfangs fast väterlich mit mir. Wie bei Vernehmungen saß ich auf einem hier allerdings gepolsterten Stuhl am Ende eines langen Tisches vor seinem Schreibtisch. Er bot mir richtigen Bohnenkaffee und ein Stück Torte an, zudem stand eine Kiste Zigarren auf dem Tisch, die ich hätte rauchen können. Allerdings trank ich nur einen Schluck des Kaffees. 

 

Unvermittelt begann Lecki-Teng meine Arbeitsleistung zu kritisieren. Ich antwortete, dass ich die Arbeit ganz einstellen würde, wenn mir eine Schreibverbindung mit meiner Cousine in Westberlin weiterhin verweigert würde. Er muss mit dieser Antwort wohl aufgrund meiner Täterpersönlichkeit gerechnet haben und bat freundlich doch die Adresse meiner Cousine aufzuschreiben. Die hätte ich schon meinem Erzieher Leutnant Lange per Dienstzettel mitgeteilt, antwortete ich. "Schreiben sie sie auf, ich kümmere mich darum", antwortete er, nervös auf seine Armbanduhr blickend. Schreibblock und Kugelschreiber lagen am Platz. Als ich langsam misstrauisch wurde, kam plötzlich der Stationskalfaktor Löhr mit Wischeimer und Staubwedel, um den Raum zu säubern. Zwar schrie Lecki-Teng ihn an, Löhr aber hatte gesehen, was er wohl sehen sollte.

 

Ich wurde danach ins Haus 1, eigentlich Untersuchungshaft, in eine Zelle gebracht, die völlig isoliert, sozusagen ein Gefängnis im Gefängnis war. In der Nachbarzelle, konnte ich durch die leergepumpte Toilette erfahren, waren acht Untersuchungsgefangene untergebracht. Sie wollten nicht glauben, dass ich West-Berliner bin. Zum Beweis meiner Identität gab ich zum Mitschreiben drei Strophen der deutschen Nationalhymne durch. Abends wurde ich Ohrenzeuge, wie ein Kommando des SV die singenden Gefangenen zu befrieden versuchte. Es war schrecklich. 

 

Nach sechs Wochen kam ich ins Haus 6, dass ausgebaut wurde, um den propagandistisch verkündeten humanen Erleichterungen im Strafvollzug gerecht zu werden. Nun war man ständig mit 30 Gefangenen zusammen, konnte allerdings täglich duschen. Wahrscheinlich habe ich es Mathias Bath zu verdanken, dass meine Mitgefangenen mich nicht lynchten, sollten sie doch glauben, dass ich bei Lecki-Teng Spitzelberichte verfasst hätte. Es eskalierte, so dass ich wegen Arbeitsverweigerung in die Mumpe, wie die Arrestzellen genannt wurden, gebracht wurde. Zweimal wurde ich wegen Nahrungsverweigerung in das Haftkrankenhaus Meusdorf bei Leipzig gebracht. 

 

Flugblattaktion

Als ich wieder keine persönlichen Verbindungen zu meinen Angehörigen hatte, auch nicht wusste, was meiner Schwester widerfahren ist, wollte ich den drittenHungerstreik spektakulär mit Flugblättern bekräftigen. Im DIN A3 -Format wollte ich sie zum Republikgeburtstag am 7. Oktober 1977 im ganzen Knast verteilen lassen:

 

»Aus Protest gegen die eklatante Nichtachtung und Verletzung der Menschenrechte

durch das hiesige sowjetimperialistische Marionettenregime, gegen die Schikanen seiner Handlanger trete ich in einen unbefristeten Hungerstreik.

Freiheit allen Fluchthelfern

Freiheit allen ausreisewilligen Leibeigenen

Freiheit allen politischen Gefangenen«

Hartmut Richter


Als die von mir auch unterschriebenen 64 Flugblätter durch einen Tipp des Sanitätskalfaktors in der Matratze gefunden wurden, waren die Büttel völlig verstört. DieFinder Leutnant Geschonnek und Meister Rohne ordneten sofort höchste Alarmstufe für das Gefängnis an. Nun wurde ich unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen in die Keibelstraße gebracht, kam in die 3. Etage, eine extra gesicherte Station. Durch Klopfen wusste ich, dass meine Zellennachbarn Mörder waren. 

 

Man sah von einer Nachverurteilung ab, da gewisse Kräfte der Bundesrepublik zunehmend sich für mich interessieren und Unregelmäßigkeiten bei der Gewährung der persönlichen Verbindungen aufgetreten waren. Nach sechs Wochen wurde ich Anfang Dezember nach Bautzen II gebracht. Auch hier war ich meist isoliert und gab es Versuche, mich zu diskreditieren, zu diffamieren, zu zersetzen. Einmal noch wurde ich zur Zwangsernährung nach Meusdorf gebracht. Schläge mit Gummiknüppeln taten weh, waren resümierend jedoch nicht so schlimm wie die subtileren Methoden »feindlich-negative Kräfte« zu liquidieren. Am 2. Oktober 1980, Gandhis Geburtstag, war mein Erziehungsprozess nach fünf Jahren und sieben Monaten abgeschlossen, und ich wurde über die Magdalenenstraße nach West-Berlin gebracht.

(Hartmut Richter)

Erstellt von HARTMUT RICHTER